Some favorite songs – beiläufige Anmerkungen eines musikalischen Dilettanten
Seit ich Musik bewusst höre, und erst recht, seit ich versuche, Musik zu spielen, interessiere ich mich für stories über diese Musik, über ihre Schöpfer und Interpreten, ihre Entstehung, Machart, Verwandlung, Verwendung, Rezeption, kurz: ihre Geschichte(n) und ihre Wirkung. Vielleicht bin ich in unserem Orchester nicht der einzige mit dieser Neugierde, und so habe ich begonnen, zu einigen meiner Lieblingsstücke unseres Repertoires einige dieser Storys zusammenzutragen und aufzuschreiben, um sie mit Euch zu teilen.
Dabei geht es nicht darum, tiefschürfende oder gar umfassende Analysen zu präsentieren von Stücken, die wir spielen; nicht nur könnte ich das gar nicht, ich will etwas anderes: Ich will ein paar spannende, absurde, witzige, traurige, informative Geschichten zu einigen unserer Songs erzählen, möglichst kurz & knapp & unterhaltsam, weil sie mir spannend, absurd, witzig, traurig, informativ erscheinen, und wenn der eine oder die andere Vergnügen daran finden sollte, würde ich mich sehr freuen.
Vollständigkeit wird nicht angestrebt, und ich kann auch nicht versprechen, dass meine persönlichen Vorlieben in Sachen Musikstil oder Interpret oder Interpretation verborgen bleiben; aber ich werde versuchen, sie nicht allzu sehr in den Vordergrund zu stellen. Ich werde auch auf mir bekannte Aufnahmen hinweisen, die sich leicht auf YouTube oder Spotify oder sonstwo im WWW finden lassen.
Schließlich: Auch über not really favorite songs of mine beabsichtige ich, möglichst unterhaltsam, zu schreiben. Wer weiß, vielleicht finde ich dabei ja sogar den Weg nach Amarillo!?
Some favorite songs #1 – Abschied von der Amsel: Bye bye Blackbird
Unter den kleinen Vogelarten scheint die Amsel bei Musikern besonders beliebt zu sein. Spontan kommen mir gleich drei Kompositionen in den Sinn, die den recht unscheinbaren Vogel im Titel führen und sich im Repertoire, oder genauer: im Notenbestand der Stadtkapelle befinden. Hier soll die Rede sein – nein, nicht von der Amselpolka, die ihren Weg ins Archiv gefunden hat – sondern von zwei für unser Orchester neuen Stücken. Ich will beginnen mit Bye bye Blackbird.
Wie viele andere Jazz-Standards stammt der Song aus den 1920er-Jahren. Der Liedtext (von Mort Dixon) hat zahlreiche Interpretationsversuche provoziert, was damit zu tun hat, dass der titelgebende Blackbird ins Deutsche nicht nur als Amsel übersetzt werden kann, sondern im amerikanischen Englisch im übertragenen Sinn auch einen schwarzen Sklaven bezeichnen konnte. Jenseits seiner Deutung steht fest, dass der Song (Musik von Ray Henderson) 1926 in den USA ein Hit und das gleich in vier verschiedenen Versionen war; in Europa hat ihn Josephine Baker 1927 bekannt gemacht. Mir fällt schwer, das zu glauben, aber es ist belegt, dass sich sogar die Nazis das Lied zu Nutze machen wollten: 1940 dichteten sie seinen Text zu Propagandazwecken um in Bye bye Empire, um es im Weltkrieg zur Demoralisierung britischer Soldaten einzusetzen. –
Dass der Song zum Standard wurde, ist wohl vor allem Miles Davis zu verdanken, der ihn 1956 mit seinem Quintett aufnahm. Miles spielt relaxed ein gesangliches Solo, und John Coltrane, der in dieser Aufnahme ein Tenorsaxophon-Solo hat, fand an dem Stück offenbar so großen Gefallen, dass er sein Stockholm-Konzert-Album von 1962 (für das er posthum einen Grammy erhielt) danach benannte. Nach Miles haben unzählige Musiker, und nicht nur Jazzer, den Standard aufgenommen: Auf Spotify finden sich weit mehr als 40 verschiedene Recordings, mit und ohne Gesang, von Ella Fitzgerald bis Joe Cocker, von Ben Webster und Oscar Peterson bis Manfred Krug & Charles Brauer, die das Lied in ihrem letzten Tatort als Kommissare (Bye, bye, Tatört) zum Besten gaben. Einer meiner Favoriten ist die Version, die Keith Jarrett im Trio mit Gary Peacock (b) und Jack DeJohnette (dr) 1991 nur zwei Wochen nach Miles Davis‘ Tod aufnahm und auf dem Miles gewidmeten Album Bye, bye, Blackbird (1993) veröffentlichte.
Quellen:
– Ted Gioia, The Jazz Standards, Oxford 2012
– Wikipedia, Bye Bye Blackbird, Komposition von Ray Henderson, abgerufen am 11.05.2025
Diesen Bericht schrieb:
Stephan (Bass)










